Kosmo von Isabella Breier
II
Anmerkungen zu Theorie und Praxis
der Maßnahmen zur Rettung des unrettbar Flüchtigen
im Rahmen von Αναμνήσεις respektive
der Temporary Eternal Collection
Die zur zu berichtenden Spezialreise führende Geschichte begann mit Louises Protokollen beziehungsweise dem Anklicken einer mir anonym zugesandten Audiodatei und einem der viel zu vielen Kommentare meiner damaligen Supervisorin.
Nein, ich, Chave, korrigiere: Was ich erzählen will, fing damit an, dass ich dachte, es sei an der Zeit, mit allem Schluss zu machen.
Und ich setze es hie und da in die Gegenwart, weil es zwar vorbei ist, aber nie aufgehört hat, gegenwärtig zu sein. Hier habe ich zum Beispiel Hefte voller Notizen aus etlichen Etappen jener oftmals geleugneten oder schöngeredeten Krise. Und in einer derselben bahnt sich die Reise nach Kosmo an, deretwegen ich nun diese Investigationsexpeditionsdokumentation erstelle.
Jede minimale Regung schrieb ich damals auf, jegliche Nichtigkeit, mehr als je zuvor. Schon beim Akt des Protokollierens oder spontanen Interpretierens dachte ich mir: Wozu der Schwachsinn?[1]
Ich wollte, ich wäre eine andere in einer anderen, meinetwegen vorsintflutlich modernen Welt, jenseits des jetzigen Stadiums des Anthropozäns. Ich wünschte, ich wäre eine, die multitaskingfähig klug, so scharfsinnig wie intensiv ihre Stunden zubringt, ohne das Leben auf Teufel komm raus festhalten und – fast drängt’s mich, zu denken: widersinnigerweise – durchs Sezieren noch lebendiger machen zu wollen. Oder besser: mit der Bereitschaft, das Gegenwärtige, das dem Gegenwärtigen weicht, das dem Gegenwärtigen weicht, nonchalant loszulassen. Es entgleitet uns ja doch, zwangsläufig. Und ich hatte und habe kein Glück mit meinen erbärmlichen Versuchen, die Momente und ihre potenziell unendlichen Verbindungen, die Wirklichkeiten und die Möglichkeiten, gleichsam in einer geschützten Zone, die zum intersubjektiv Realen gehören könnte, sofern man sie wahrnähme und wiederholend oder sich aneignend bestätigte, im mehrfachen Wortsinne aufzuheben oder systematisierend zu dokumentieren. Ich war und bin skeptisch, ob es in praxi gelingt, die vielfältigen, expliziten wie impliziten Ideen sowohl in bleibende Zusammenhänge zu schleusen als auch in sich dauerhaft ausufernd verzweigende, niemals versiegende Assoziationsströme zu streuen oder zu gießen oder zu hauchen.
Genau das wäre unsere Aufgabe: die Erhaltung und Verbreitung dessen, was erhalten und verbreitet werden kann, die Konservierung, Kontextualisierung und Kultivierung. Αναμνήσεις folgt dem ambitionierten Grundprinzip, der Vergänglichkeit ein pfiffiges Schnippchen zu schlagen. Nichts Geringeres als die Maxime der Ewigkeit soll unser Engagement antreiben. Wir werden entlohnt, um bestimmten Bewusstseins- und Unbewusstseinsgebilden – als „an einen besonderen Körper (den Leib) gebundene(n) Komplex von Erinnerungen, Stimmungen, Gefühlen“[2] –, die mit dem Tod des jeweiligen Ich beziehungsweise Organismus verblassen würden, nicht nur einen frischen Anstrich zu verpassen, sondern sie sozusagen vorm Verschwinden zu retten, mit Blut zu versorgen, mit Vitalität vollzupumpen, zum Weiterleben zu erwecken. Wir stehen im Dienst eines umfassenden, idealistisch bis visionär geprägten, in seiner konkreten Vorgangsweise materialistisch gewappneten, methodisch ausgefeilten Erinnerungsethos – sowohl bezüglich der Geschehnisse und ihrer belegt behauptbaren Relationen als auch der Modi der Modifikationen respektive der Adaption, Verzerrung oder Verfälschung in der Sphäre kollektiver wie individueller Gedächtnisse.
Und ich, die ich nunmehr seit circa achtundzwanzig Jahren den Eifer der fünfzig Wochenstunden meines beruflichen Einsatzes an der maximal approximativ zu touchierenden Richtschnur der Überwindung endgültiger Endlichkeit orientierte, hütete mich davor, meine mich insgeheim immer wieder und immer wieder wie zum ersten Mal erschütternden Zweifel an der Sinnhaftigkeit unseres Tuns vor der Kollegenschaft zu offenbaren, die Frage, die mich seit einigen Jahren und seit kurz vor der Reise nach Kosmo mit heftig gestiegenem Unbehagen umtrieb, laut zu stellen: Warum das alles? Selbstverständlich maße ich mir auch jetzt – nach meinem Kündigungsausspruch – nicht an, aus dem Stegreif antworten zu können. Eine ernsthafte, halbwegs differenzierte Replik würde jede Menge empirische Erhebungen und darauf bezogene Studien benötigen. Und dies erfordert Zeit und Ressourcen, über die ich nicht verfüge, wahrscheinlich niemals verfügen werde. Jedenfalls tat ich lange mein Bestes, um nicht zu verzagen oder gar zu resignieren.[3]
Was mich jenseits meiner Beschwichtigungs- als Ermutigungs- und Ablenkungsmanöver, vor oder hinter der Vorstellungskraft, als reales profanes Selbst im mehr als die Summe seiner Dynamiken meinenden Gemenge der vielen realen profanen Ichs betraf, schien eines sicher: Auch das, was ich für berufliche Zwecke schriftlich fixierte, blieb ein kaum registriertes Nischenprodukt. Und dies würde sich im Rahmen meiner Existenz beziehungsweise mit der Person, die sie führte oder von ihr geführt wurde, nicht mehr ändern. Ich war zweiundsechzig und nach wie vor mit keinerlei wichtigen Funktionärinnen und Funktionären bekannt geschweige denn befreundet. Und gegen alle Beteuerungen der Chefetage von Αναμνήσεις wirkte sich dieser Umstand durchaus auf das Ausmaß der jeweiligen Beachtung unserer Maßnahmen zur Rettung des unrettbar Flüchtigen aus. Seit Jahren beobachtete ich, mit wie viel Interesse, mit welcher Selbstverständlichkeit und Sorgfalt man auf welche qualitativ hoch- und höchstwertigen Auseinandersetzungen reagierte. Und obwohl es verpönt war und ist und im Ambiente der Beschwörung der sachbezogenen Kooperationen am liebsten ignoriert bis tabuisiert, manches Mal erschrocken oder empört dementiert wird: Der Faktor des sozialen und damit assoziierten symbolischen Kapitals spielt auch zweitausendachtundvierzig eine entscheidende Rolle hinsichtlich der Verteilung von Aufmerksamkeit.
Über den Frust über derlei uneingestandene Fairnessmängel hinaus ging mir Αναμνήσεις mittlerweile entsetzlich auf die Nerven. Allgemeines war mir so lästig wie Besonderes, und die rigorose Betriebsamkeit des Betriebs stieß mich geradezu ab. Freilich kam der gewaltige Überdruss nicht von heute auf morgen. Er wurde mir im Sommer zweitausendfünfundvierzig das erste Mal bewusst als solcher spürbar – ein kleines Pflänzchen, das mir im Lichtkeil eines hellen Moments auffiel und dann rasch weiterwuchs. Da war ein Widerwille, den ich nicht hinreichend erklären konnte und vorrangig verdrängen wollte. Dementsprechend irritiert erlebte ich mich in den letzten Jahren. Mein Arbeitsethos wirkte dem Unmut jedoch stets entgegen.
Und so erfüllte ich mein Leistungssoll in der Sammlung, meinem Commitment gemäß, aufs Äußerste pflichtbewusst. Ich kümmerte mich um gefundene wie angeworbene Protokolle jeglicher Provenienz, nahm Zeitzeugnisse vieler Zeitgenossinnen und Zeitgenossen unter die Lupe, begutachtete Zusammenhänge. Konkret beschäftigte ich mich in der Sparte der sogenannten Temporary Eternal Collection mit der Analyse, Bewahrung, Instandhaltung oder Wartung von Sprachprodukten gegenwärtig lebender oder innerhalb der letzten Dekaden verstorbener menschlicher Individuen. Insbesondere widmete ich mich jenen von Einzelpersonen verfertigten Aufsätzen, mündlich wie schriftlich vermittelten Berichten, Beschreibungen, biographischen Fragmenten, Dokumentationen, Erzählungen, Reportagen, Schilderungen, Storys, Tagebuchexzerpten, die – unabhängig von ihrer Intention – etwas über die Welt auszusagen vermögen, was über das jeweilige Verfassersubjekt beziehungsweise private Belange hinausreicht. So lautete die – zugegeben – sowohl ungeschickt als auch hölzern, gleichzeitig vage geratene Job-Description.
Jedenfalls bereitete ich jährlich – je nach Umfang und Dichte des idealiter zu verewigenden Materials – bis zu zwei Handvoll Gedanken- und Gefühlswelten auf. Ich möchte mich nicht aufplustern, wenn ich konstatiere, dass man mich als brillante Sammlungsexpertin schätzte. Emsig erledigte ich mein Pensum, zur vollsten Zufriedenheit des gesamten Personals. Oft machte ich Fleißaufgaben, des Interesses am Thema wegen. Nur: Der Rest vom Tamtam interessierte mich nicht. Wahrscheinlich hielt ich mich freiwillig von den Machtebenen fern. Freilich kann es sein, dass da nichts „freiwillig“ geschah, dass es sich stattdessen um ein soziologisch zweifellos aufzudröselndes Geflecht strukturierender Strukturen[4] inklusive Mechanismen von Selbstexklusion handelt, die via Habitus mit der Beschaffenheit sozialer Hierarchien korrelieren bis kooperieren. Gewiss ist es imaginabel, dass meine kläglichen Gewissheiten wie die anderer Akteurinnen und Akteure allesamt oder größtenteils Unsinn darstellen, dass man sich – in Louises Worten – durch und durch belügt und betrügt, indem man so tut, als wär’s primär die eigene Entscheidung, sich dort zu befinden, wo man sich befindet. Nämlich – was mich betraf – an der Peripherie der Peripherie der Peripherie. Beziehungsweise: maximal im Kopf kompromisslos in der Welt.
Wie dem auch sei: Louise, die erst perplex, dann misstrauisch reagierte, als ich Kontakt zu ihr aufnahm[5] und anschließend, als sie endlich Vertrauen zu fassen schien, bei Gott und der Welt schwor, mich und die Sammlung gar nicht zu kennen und mir die Tonaufnahme nicht zugeschickt zu haben[6], beharrte darauf, keinen Vortrag halten, nicht leibhaftig in Erscheinung treten zu wollen. Sie teilte mir ihre derartige Events anbelangende Aversion unverblümt mit. Obwohl ich eine simple Absage sofort akzeptiert und nicht etwa lästig nachgehakt hätte, ließ sie sich nicht davon abhalten, ihre Reaktion ausschweifend zu begründen. Sie wäre nämlich – so verriet sie mir – ein fürchterlich scheues Wesen. Sogar Interviews hasse sie. Zwar stehe sie nicht ungern im Mittelpunkt, aber ausschließlich, wenn sie nicht dabei beziehungsweise mit der jeweiligen Farce keinesfalls persönlich konfrontiert sei. Selbstverständlich hätte sie nichts dagegen, dass man sie auszeichne, solange sie nicht vor Ort sein, den Unfug nicht erdulden müsse. Über die Resonanz freue sie sich ungemein. Die Vorstellung, einen bedeutenden Preis zu gewinnen (oder eben jenen dürftig dotierten, immerhin sogar vom Feuilleton der auflagenstärksten Großstadtzeitung nicht völlig ignorierten, von mir und zwei Kollegen im Namen unseres Ressorts organisierten) und bei der Verleihungsgala nicht anwesend sein, keinem redseligen Landesfürsten oder Laudator die Hand schütteln, keinem gefeierten oder aufstrebenden Schauspieler bei der vor empirisch widerlegbaren Illusionen nur so strotzenden Rede zum Schwurbelthema „Kunst“ lauschen, keine Dankesworte ins Mikro sprechen, keine Blumen entgegennehmen, keinem Fotografen zulächeln, an keinem Sektkelch nippen zu müssen, sondern an einer abgelegenen Bucht nackt im Meer zu schwimmen oder verschwitzt durch Steppen zu trekken – im Wissen, gerade geehrt zu werden, Tausende Kilometer weit weg, in diesem erhebenden Gefühl, zur selben Zeit in einem passabel besuchten, am besten bis auf den letzten Platz besetzten Kulturhaus eine Zeremonie der Honorierung oder Wertschätzung zu erfahren, während man allein und ungestört durch intakt anmutende Natur wandert, sich auf ganzheitliche Weise geborgen fühlt, ohne jene verträumte Befindlichkeit gleich emphatisch vermerken, wieder in die oftmals verblendete und verblendende Sphäre der Schriftlichkeit pferchen zu müssen –, entspräche ihrer Vorstellung von einer Art Erfolg, die jemandem wie ihr sowohl grundsätzlich gefallen als auch zuträglich sein möge. Ein wenig verbürgte Anerkennung aus der Ferne würde bereits genügen. Für so etwas wie charismatische Präsenz wäre sie sowieso viel zu kontaktfaul. Zum einen setze sie sich nicht gern in Szene. Zum anderen habe sie’s lieber gemütlich. Und am allerliebsten ziehe sie unbeobachtet los, schwärme aus, ohne im Vorhinein definiertes Ziel.
[1] Auch das kritzelte ich – zumeist als Fußnote oder in Klammer – aufs Papier. So biss sich die Schlange in den Schwanz. Und ich hackte ihn ihr ab, verfluchte jedes abgegriffene Bild, jedes unangetastete. Nichtsdestotrotz vermutete ich, dass etwas in mir mutmaßte, man könnte Bedeutsames oder gar Wesentliches versäumen, wenn eine vermeintliche Kleinigkeit einfach vergessen werden würde. (Und wer weiß, ob das nicht stimmt.)
[2] Vgl. Ernst Machs „Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis vom Physischen zum Psychischen“
[3] Zwirbelte sich der Zweifel Richtung Verzweiflung und schwand das Gefühl von Sinn wie Sinnhaftigkeit oder verlor sich die Gewissheit, an etwas Wertvollem zu partizipieren, half ich mir mit abstrahierenden Ausflüchten oder abgeschmackten Artificial-Intelligence-Absätzen von vor zweieinhalb Jahrzehnten, zum Beispiel mit folgender Formel, die ich laut und expressiv intonierend, in beinahe meditativ langsamem Tempo, aus einem der auf dem Schreibtisch aufgeschlagen daliegenden Collegeblöcke las: „Diese in vielerlei Hinsicht höchst speziellen Tiere beziehungsweise interessanten Natur- und Geisteswesen, die wir sind, bestehen aus biologischem Gewebe, aufgebaut aus Zellen, die auf Molekülen basieren, die sich ihrerseits aus Atomen zusammensetzen. Analysiert man weiter und weiter, finden sich für unsere forschende Spezies zu guter Letzt so etwas wie ausdehnungslose Energieeinheiten, die sogenannten Elementarteilchen mit ihren irritierenden Regeln oder Regelmäßigkeiten. Weder Elektronen noch Quarks oder Neutrinos bilden den Grund, auf dem wir stehen, wenn wir uns und unsere Welt zu fassen, zu beschreiben oder zu erklären versuchen. So simpel können wir den Kosmos in seiner Komplexität nicht begreifen. Vielmehr hantieren wir mit sinnhaften Verknüpfungen von unterschiedlichen, teils halbwegs bis provisorisch dokumentierten oder repräsentierten, teils noch völlig unverstandenen Aspekten, Dimensionen oder Sphären dieses Universums, in dem sich so etwas wie wir über Jahrmilliarden hinweg entwickeln konnte.“
[4] hat tip: Pierre Bourdieu
[5] Im mir übermittelten Mail mit der MP3-Datei war neben dem Titel „Gespensterprotokolle“ und der Bitte um „Sichtung beziehungsweise Aufnahme in die Temporary Eternal Collection“ eine Telefonnummer angegeben.
[6] Louise berichtete mir, sie wäre – der Aussage oder Andeutung am Ende der ihrerseits ins Diktafon eingesprochenen Gespensterprotokolle gemäß – am Platz der Platanen kollabiert. Nach dem Erwachen hätte sie ihren Audiorekorder nicht mehr vorgefunden. Das Gerät müsse gestohlen worden sein.
Isabella Breier
Geboren 1976 in Gmünd/Niederösterreich, aufgewachsen in Wels/Oberösterreich; wohnt derzeit in Wien; etliche längere Aufenthalte in Südmexiko (Oaxaca); Studium der Philosophie und Germanistik in Wien: Dissertation zu Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“ und Wittgensteins „Sprachspielbetrachtungen“; Schriftstellerin, Lehrkraft für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, Mitarbeiterin in literaturwissenschaftlichen Projekten; zahlreiche Publikationen (Lyrik und Prosa) in Literaturzeitschriften und Anthologien
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