Viktoria von Romy Ann

Kapitel 1 aus Infinite Heartbeats

„Viktoria Winter?“

Mit einem Dildo in der Hand, den ich gerade einer Kundin präsentiert hatte, drehte ich mich um und machte mir fast ins Höschen. Da stand ein ganzes Kamerateam vor mir.

„Holy Shit, was habe ich jetzt schon wieder angestellt?“ Verblüfft starrte ich jeden Einzelnen der fünf Personen vor mir an und fuchtelte dabei aufgeregt mit dem Latex-Dildo in der Luft herum. Verdammt, was könnte ich nur ausgefressen haben? Wildeste Gedanken schossen mir durch den Sinn, ehe eine hübsche Frau mittleren Alters lachend meinte: „Sie haben nichts angestellt, ganz im Gegenteil, Sie sind Mitarbeiterin des Jahres!“

„Herzlichen Glückwunsch!“ Ein schlaksiger Mann trat auf mich zu und schüttelte kräftig meine Hand, was mich als Ganzes durchrüttelte, inklusive des Gummisexspielzeugs in der anderen Hand.

Mit offenem Mund sah ich ihn an, als ob er nicht alle Tassen im Schrank hätte. Wie konnte das sein? Ich – Mitarbeiterin des Jahres?

„Sie haben ein Wochenende für zwei Personen in einem Erotik-Hotel gewonnen“, fügte die Frau hinzu.

„Oh Mann … kann ich mich kurz setzen?“, purzelten die Wörter aus mir heraus. Ich hatte das Gefühl, aus den Latschen zu kippen, wenn ich nicht sofort meinen Hintern irgendwo platzieren konnte. Hektisch drehte ich mich um und entdeckte die Couch, die eigentlich für Kunden gedacht war. Aber das war mir in diesem Moment herzlich egal. Sofort schritt ich darauf zu und ließ mich fallen. Das gesamte Team aus drei Männern und zwei Frauen folgte mir auf Schritt und Tritt. Die Zweite meiner weiblichen Verfolger trat näher und überreichte mir einen riesigen Blumenstrauß, in dem zwischen großkopfigen Sonnenblumen ein Gutschein steckte. Ich legte den Dildo, den ich immer noch wie eine Rettungsleine umklammert hielt, ab und nahm beides entgegen.

„Frau Winter, Sie haben von unseren mehr als tausendfünfhundert Mitarbeitern in über hundert Filialen die höchste Verkaufsquote. Daher überreiche ich Ihnen den Gutschein für Sie und Ihre Begleitung, wer auch immer das ist, um ein aufregendes, erotisches Wochenende zu erleben.“ Vielsagend zwinkerte sie mir dabei zu. „Die gesamte Firma Love-Sex-and-More gratuliert Ihnen für den Umsatz, den Sie in diesem Jahr eingebracht haben. Genießen Sie das Wochenende zu zweit. Wir hoffen, Sie damit auch in Zukunft zu motivieren, sich weiterhin ins Zeug zu legen“, fuhr sie fort.

Ich war baff, löste eine Hand vom Stiel des viel zu schweren Blumenstraußes und fächerte mir damit Luft zu, bevor ich antworten konnte. „Danke, mir verschlägt es selten die Sprache, aber damit habe ich wirklich nicht gerechnet.“

Sofort musste ich an die vielen Streits mit meinem Ex zurückdenken. Da hatte es keine einzige Situation gegeben, in der ich nicht eine schlagfertige Antwort parat gehabt hatte. Zugegeben, manche davon waren grenzwertig gewesen … Vor allem bei unserer letzten Auseinandersetzung, die er unbedingt vor seinen Schickimicki-Freunden hatte ausfechten müssen. Vielleicht hätte ich nicht rumposaunen dürfen, dass er froh sein konnte, mich zu haben, so langweilig, wie er im Bett war. Manchmal war mein Mund einfach schneller als mein Hirn. Als ich damals wie eine Lokomotive aus dem Restaurant für feine Pinkel abgedampft war, hatte es mir total leidgetan, dass ich so etwas Privates lauthals rausgeschrien hatte, aber Justus hatte mich einfach so auf die Palme gebracht …

Als ich realisierte, dass meine Gedanken in die Vergangenheit abdrifteten und ich mitten im Satz zu sprechen aufgehört hatte, riss ich mich zusammen. Was mich unweigerlich zu einer Frage führte und damit zurück in meine Single-Realität.  „Ich freue mich riesig, aber ich habe noch keine Ahnung, wer mich begleiten wird. Ist das ein Problem?“ Vorsichtig hob ich den Kopf, in der Hoffnung, meinen Gewinn trotzdem behalten zu dürfen.

„Frau Winter, der Gutschein läuft Ihnen nicht davon. Sie können ihn einlösen, wann immer Sie möchten“, erklärte mir die andere der beiden Damen.

„Super, ich muss mir nämlich erst einen neuen Mann suchen, der es verdient hat, mit mir ein heißes Wochenende zu verbringen“, antwortete ich keck. Langsam hatte ich zu meiner üblichen, schlagfertigen Art zurückgefunden. Musste ja schließlich nicht gleich die ganze Love-Sex-and-More-Arbeitswelt im TV sehen, wie gern ich wieder jemanden an meiner Seite hätte.

„Alles gut, suchen Sie sich ihre Begleitung in aller Ruhe aus und dann geben Sie dem Hotel das Datum Ihrer Anreise bekannt, keine Eile“, meldete sich der schlaksige Mann zu Wort.

„Wir brauchen noch Fotos von der glücklichen Gewinnerin“, erklärte die Frau, von der ich den Gutschein erhalten hatte.

Nachdem sie sowohl Fotos von mir allein als auch gemeinsam mit Mario, dem Filialleiter, gemacht hatten, verabschiedete sich die ganze Fünfertruppe. Kaum glitt die Schiebetür hinter ihnen zu, quietschte ich auf und machte mitten im Geschäft ein Freudentänzchen. Meine Hüften kreisten wie bei einer Bauchtänzerin und die Kunden, die im Shop anwesend waren, applaudierten und gratulierten mir.

„Wusstest du davon?“, fragte ich Mario. Er schloss kurz die Augen, als wäre er sich nicht sicher, ob er mir die Wahrheit sagen sollte. Doch er kannte mich zu gut. Natürlich würde ich ihm die Leviten lesen, weil ich Lügen nicht ausstehen konnte.

„Ja, ich wusste davon. Gestern ist eine Mail von der Geschäftsführung gekommen … Die wollten wissen, wann du hier bist.“ Schuldbewusst knetete er seine Hände und wirkte nervös. „Aber zu meiner Verteidigung, ich kann nichts dafür, ich musste im Antwortschreiben versichern, dir nichts zu sagen, es sollte eine Überraschung sein. Tut mir leid“, fügte er leiser hinzu.

„Na super, die Überraschung ist gelungen, ich schaue im Video bestimmt saublöd aus der Wäsche. Du bist mir vielleicht ein Chef“, versuchte ich, ihn mit einem bösen Blick zu tadeln.

Doch das funktionierte nicht wirklich, denn Mario fing herzhaft an zu lachen und hatte sich auch Minuten später noch immer nicht beruhigt. „Viki, wenn du dich selbst sehen könntest, wüsstest du, dass du nie im Leben böse schauen kannst. Es sieht einfach nur witzig aus. Und überhaupt, du bist unser Sonnenschein. Das soll sich nicht ändern, nur weil du die beste Verkaufsmitarbeiterin bist, die wir haben.“ Er kratzte sich am Hinterkopf und hatte noch immer ein Grinsen im Gesicht.

In meinen Gedanken blitzten nochmals kurz der Streit mit Justus und meine Arschaktion auf.

„Ich bin stolz, dass du in meiner Filiale arbeitest und wir dich in unserem Team haben“, flüsterte er leise, sodass nur ich es verstand.

Wir hatten vom ersten Tag an ein gutes Verhältnis. Wäre er nicht glücklich verheiratet gewesen, hätte ich mir ihn vielleicht sogar an meiner Seite vorstellen können. Er war nett, immer gut gelaunt und sah noch dazu unverschämt gut aus.

„Bist die Beste“, stellte er abschließend fest und kehrte in sein Büro zurück.

Holy Shit, ich hatte noch nie etwas gewonnen. Mitarbeiterin des Jahres … ich konnte es nicht fassen. Sollte mir mein Märchenprinz in nächster Zeit allerdings nicht über den Weg laufen – so sehr ich mir das auch wünschte –, würde ich den Gewinn meiner Freundin Leona schenken. Sie und ihr Freund Erik hätten sich eine Auszeit mehr als verdient. Dann könnten sie vor der Geburt ihres Babys noch etwas Zeit zu zweit genießen.

Die Kundin von vorhin kam auf mich zu und gratulierte mir. Ich bedankte mich und entschuldigte mich für die Unterbrechung, bevor ich ihr das Produkt weiter präsentierte.

Bei der Arbeit war ich immer voll in Fahrt. Immerhin liebte ich diesen Job und stand jedem Kunden mit Rat und Tat zur Seite, damit der- oder diejenige die richtigen Toys fand, um Spaß im Schlafzimmer zu haben und voll auf die eigenen Kosten zu kommen. Über Sex zu sprechen, war für mich nie ein Thema gewesen, immerhin war ich so erzogen worden, dass es nichts gab, für das man sich schämen musste. Die ältere Dame, die uns regelmäßig beehrte und ausschließlich von mir bedient werden wollte, entschied sich für den neuen Dildo aus der Nachhaltigkeitsserie – 16 cm, Latex aus biologischem Anbau, naturident –, schnappte sich noch eine Packung gefühlsechte Kondome aus dem Regal und machte sich mit einem „Bis zum nächsten Mal“ auf den Weg zur Kasse.

Während ich neue Ware ins Regal einsortierte, hörte ich meinen Namen, und als ich mich umblickte, sah ich Sven. Ein Stammkunde, der mindestens zweimal die Woche kam, um neue Toys zu besorgen oder mit mir zu flirten. Die meisten Männer dachten doch tatsächlich, ich würde mich mit jedem Spielzeug, das ich ihnen verkaufte, persönlich auskennen. Zugegeben, zum Teil stimmte das auch … Ich war kein schüchternes Mäuschen, was die Matratzengymnastik betraf. Dennoch gab es noch einiges, mit dem ich nicht vertraut war, und anderes, das ich bewusst nicht ausprobierte. Auch ich hatte meine Grenzen.

„Hey, na, wie geht es meinem Lieblingskunden heute?“, begrüßte ich ihn. Ich wusste, dass viele Männer nur deshalb hierherkamen, weil ich ihnen zuhörte und die Worte zu ihnen sagte, die sie hören wollten. Und genau das regte natürlich auch den Verkauf an. „Sag mal, hast du schon die neuesten Liebeskugeln für deine Gespielinnen daheim? Gestern bei uns eingetroffen, ich sage dir, die haben nur Top-Bewertungen. Die müssen der Wahnsinn sein.“

„Würden sie dir denn gefallen?“, säuselte er.

„Na aber hallo, bei denen kommt sicher jede Frau, da bin ich mir sicher.“

„Dann brauche ich sie unbedingt! Bis jetzt hast du mir nur das Beste vom Besten empfohlen.“

Tatsächlich wanderten die Liebeskugeln kurze Zeit später über den Ladentisch und er verließ unseren Shop mit den Worten: „Ich werde dir in den nächsten Tagen Rückmeldung geben, tschau.“

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Text von Romy Ann, Beitragsbild von Kev auf Pixabay.

Bild von Romy Ann

Romy Ann

Romy Ann lebt mit ihrer Familie im Bezirk Hartberg, Österreich. Liebesromane mit Happy End sind ihre Leidenschaft. Wenn sie nicht mit ihrer Familie oder Büchern ihre Zeit verbringt, besucht sie gerne Motocrossrennen oder geht Tanzen. 2021 hat sie ihr erstes Buch, eine Motocross-Liebesgeschichte, veröffentlicht. Seitdem hat sie weitere Geschichten für ihre Leser und Leserinnen zum Leben erweckt. Vielschichtige Charaktere, tiefe Gefühle und mitreißende Spannung kennzeichnen Romy Anns Romane.

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