Isabel von Kathrin Samar

Kapitel 5 - Isabel

»Fynn, gib mir sofort mein Handy zurück«, schnauzt Lisa ihren kleinen Bruder an.

»Du willst doch bloß wieder deinem Freund schreiben«, zieht er sie frech grinsend auf.

Lisa hat schon einen Freund? Das hätte ich ihr gar nicht zugetraut, obwohl sie ein bildhübsches Mädchen ist. Sie hat die langen braunen Haare ihrer Mutter geerbt. Die blauen Augen hat sie ebenso wie ihre Geschwister von Charles’ Genen mitbekommen. Doch von meinen bisherigen Besuchen kannte ich sie eher als stillen Bücherwurm, der sich schüchtern hinter den Seiten versteckt.

»Wenn du es mir nicht sofort wiedergibst, erzähle ich das Mom und Dad!«

»Die sind aber gar nicht hier«, kontert Fynn siegessicher und streckt ihr die Zunge heraus.

Ich bin jedoch gerade damit beschäftigt, dass Alice mir nicht von der Sitzbank hüpft, während ich ihr die Schuhe anziehe. Wieso habe ich noch mal zugesagt, eine ganze Woche auf drei Kinder aufzupassen? Aus dem Augenwinkel bekomme ich mit, wie Lisa Fynn an seinen braunen kurzen Haaren zieht und anschließend zu Boden drückt. Bevor ich dazwischengehen kann, hat sie ihr Ziel schon erreicht und ihm ihr Smartphone entrissen.

»Aua, das erzähle ich alles Mom und Dad!«

»Tja, die sind aber nicht hier.« Lisa schlägt ihn mit seinen eigenen Waffen.

Nachdem die beiden ihren Kampf beendet haben, wenden sie sich wieder Alice und mir zu. An Lisas skeptischem Blick erkenne ich, dass ich wohl irgendwas falsch gemacht habe.

»Ist alles okay?« Unsicher warte ich auf Lisas Reaktion.

»Na ja, du solltest Alice vielleicht ihre eigenen Schuhe und nicht die alten von Fynn anziehen, die Mom für den Sohn einer Freundin hergerichtet hat«, sagt sie kichernd.

»Oh, und ich habe mich schon gewundert, dass deine Mom ihr blaue Schuhe mit Fußbällen darauf besorgt hat.« … und sie so locker sitzen, füge ich gedanklich hinzu.

»Fynn Schuhe schön.« Alice wippt mit ihren Füßchen vergnügt auf und ab, und ich schüttle über mich selbst den Kopf.

»Muss groß.« Die Worte der Kleinen lassen mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Was mache ich denn jetzt?

»Komm schon, Alice. Ich helfe dir.« Lisa nimmt sie an der Hand und verschwindet kommentarlos mit ihr im Bad.

Kurze Zeit darauf kommen beide wieder heraus.

»Danke.« Ich nicke Lisa zu, die jedoch nur die Augen verdreht und mit ihren Geschwistern das Haus verlässt. Ewig werde ich mich davor wohl nicht drücken können, doch ich bin heilfroh, dass sie es dieses Mal noch übernommen hat.

Es ist knapp, aber es passen tatsächlich alle drei Kids auf den Rücksitz und ich lasse mich vom Handy-Navi zu Lisas Ballettschule lotsen.

»Bye.« Lisa knallt die Autotür zu, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

»Schneller, sonst komme ich noch zu spät zum Baseballtraining!«, beschwert Fynn sich ungeduldig.

Ich beschleunige und nur fünfzehn Minuten später sind wir am Parkplatz vor dem Baseballfeld angekommen. Fynn schnappt sich seinen Rucksack und ich begleite ihn ein Stück, bis er schließlich davonläuft. Der Trainer winkt mir freundlich zu, was wohl so viel bedeutet wie »Sie können gehen«.

Im Auto öffne ich nochmals Sophies Mail, um den heutigen Tagesplan zu studieren. Fynns Training dauert bis halb zwölf. Lisas Ballettstunde ist um zwölf Uhr zu Ende. So weit, so gut. Laut Plan soll ich währenddessen mit Alice zu einem Spielplatz in der Nähe fahren, das klingt ja nicht so schlimm.

»Na, dann fahren wir mal zum Spielplatz.«

»Ja, Pielpatz!«, stimmt sie mir fröhlich zu.

Kaum dort angekommen, versuche ich, meinen kleinsten Schützling aus dem Kindersitz zu befreien, was schwerer ist als gedacht. Nachdem ich endlich den Verschluss ihres Sicherheitsgurtes geöffnet habe, übergibt sie sich. Mist! Ich habe ihre Tasche zu Hause stehen lassen. Darin hat mir Sophie Wechselkleidung für Alice hergerichtet. Notdürftig säubere ich ihre Kleidung mit einem Taschentuch.

»Tut leid.« Mit ihren zarten Fingerchen deutet Alice auf meine Bluse.

Verdammt, die Kleine hat auch mich komplett vollgesaut. Gut, das mit dem Spielplatz wird erst mal nichts. Wir müssen zurück zum Haus, damit ich uns beiden saubere Sachen anziehen kann.

Während der Fahrt öffne ich die Fenster so weit wie möglich, da der Geruch von Erbrochenem immer noch auf unserer Kleidung klebt und es mir fast unmöglich macht, es Alice nicht gleichzutun.

Als wir endlich das Ziel erreichen, hebe ich die Kleine aus dem Kindersitz. Dieses Mal schaffe ich es zumindest auf Anhieb, die Verriegelung zu lösen, und will ins Haus huschen. Hektisch krame ich in meiner Handtasche, als plötzlich ein großer, gut aussehender Typ mit blonden, kurzen Locken vor uns steht und mich misstrauisch mustert.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»Also, eigentlich siehst eher du so aus, als ob du Hilfe benötigst.«

Wie bitte? Was bildet sich dieser Kerl ein? Endlich ertaste ich den Schlüssel zu Sophies Haus und drehe ihm den Rücken zu. Tollpatschig wie immer fällt er mir natürlich herunter, als ich versuche, ihn ins Schloss zu stecken. Aber zu meiner Verteidigung, mit Kleinkind auf dem Arm ist das alles auch viel schwieriger.

»Soll ich dir nicht doch zur Hand gehen?«

Ist der Typ immer noch da? Was will der bloß hier? Vermutlich irgendein Vertreter, auch wenn die sonst mit Anzug und Krawatte auftauchen und er nur ein eng anliegendes blaues Shirt trägt, das seinen Oberkörper genau an den richtigen Stellen betont. Aber vielleicht ist das die neuste Masche? Fremden Frauen vor ihrer Haustür aufzulauern und sie so freundschaftlich anzuquatschen? Egal, ich wimmle ihn jetzt endgültig ab, bevor wir wegen ihm noch zu spät kommen, um Lisa und Fynn abzuholen.

»Also, ich brauche weder Hilfe noch Ihren tollen Staubsauger, Ihre großartige Versicherung oder was Sie mir sonst so andrehen wollen. Auf Wiedersehen.«

Sein Blick ruht unvermindert auf mir und irgendetwas daran irritiert mich.

»Rick«, sagt Alice. Sie grinst den Fremden auf einmal an und streckt ihm ihre Hände entgegen.

Ich reiße die Augen weit auf. Das ist Rick? So ein verdammter Mist!

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Text von Kathrin Samar, Beitragsbild von Luda Kot auf Pixabay.

Bild von Kathrin Samar

Kathrin Samar

Unter dem Pseudonym Kathrin Samar veröffentliche ich seit 2024 Liebesromane und Gedichte.
Wer gerne Romance-Bücher mit Herzschmerz und Drama, dafür aber einem garantierten Happy End liest, ist liegt bei meinen ersten beiden Büchern genau richtig.

Für alle Lyrik Liebhaber habe ich meinen ersten Gedichtband im Angebot.

Bisherige Veröffentlichungen:
Wenn aus Zufall Schicksal wird (Romance)
Wenn aus Schicksal Leben wird (Romance)
Die Sprache meiner Seele – The Voice of my Soul (Gedichtband)
Das Knistern unserer Herzen (Romance)

Website:
www.kathrinsamar.at
Instagram:
@kathrin.samar.autorin

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