Hexenkunst & Herzgeflüster von Diana Schneider

Prolog

„Magie gegen Menschen einzusetzen ist verboten“, donnerte Seraphina mir entgegen.

Ihre Worte fühlten sich wie ein Schlag ins Gesicht an – jeder Ton war ein schneidender Vorwurf.

Neun Augenpaare der Mitglieder des Hexenrats waren auf mich gerichtet. Jede der Anwesenden war mächtig und gnadenlos, und ich konnte förmlich spüren, wie sie nur darauf warteten, dass ich nur den kleinsten Fehler beging.

Ich kannte sie alle. Durch meine Arbeit an der Hexenuniversität hatte ich sie in zahllosen Versammlungen erlebt. Diese aber war anders. Gehüllt in schwarze Roben, ihre Gesichter nur vom bleichen Licht des Mondes erhellt, wirkten sie fremd – und furchteinflößend. Schlagartig verstand ich, warum die alten Geschichten über boshafte Hexen so leicht Wurzeln schlagen konnten.

Die Nacht war kalt. Der Wind biss mir in den Nacken. Ich versuchte das Zittern meiner Knie zu verbergen, aber es war zwecklos. Es war nicht nur die Kälte. Vor allem lag es an Seraphina. Der obersten Hexe des Rates, die sich nie irrte und niemals Schwäche zeigte. Ihr Blick war wie Gletscherwasser, durchbohrte mich wie eine Klinge. Ich fühlte mich nackt vor ihr – durchleuchtet bis auf meine Seele. Ich konnte die Enttäuschung meiner vormaligen Mentorin spüren.

Endlich war der Tag, oder vielmehr die Nacht also gekommen, in der ich für meine Taten Rechenschaft ablegen musste. Die Dämmerung wich nach und nach der Stille der Nacht und machte die Szenerie unheimlicher. Unsicher blickte ich mich um.

„Artemis Nebelmond, Tochter der Leto“, sprach sie mit schneidender Stimme, und mein Atem stockte. Ihre Stimme war nicht weniger eisig als ihr Blick. Meinen Hexennamen hatte ich bei meiner Initiation erhalten – ein schöner, bedeutungsschwerer Name. Doch in diesem Moment klang er wie das Urteil eines Strafgerichts.

„Du hast gegen das heiligste aller Gesetze verstoßen. Du hast einen Zaubertrank gebraut und ihn einem Menschen verabreicht.“

Ihre Worte prallten mit der Wucht eines Tsunamis auf mich ein und holten mich ins Hier und Jetzt zurück. Als sie es aussprach, klang es um ein Vielfaches schlimmer, als ich es mir selbst eingestehen wollte. Ich wollte doch nur … Ja, was eigentlich? Doch meine Gedanken erstickten in der Umklammerung meiner eigenen Angst und ließen mich stumm verharren. Jede Erklärung, die ich mir ausmalte, schien lächerlich und wäre nicht genug. Warum hatte ich es bloß getan? Ich erkannte mich selbst nicht wieder.

„Tritt vor“, befahl Seraphina mit kalter Stimme. „Deine Prüfung beginnt.“

 

***

 

Schweißgebadet wachte ich auf.

Noch immer klangen ihre Worte in meinem Kopf nach – wie eine dunkle Drohung. Obwohl es Wochen her war, verfolgten mich die Bilder jener Nacht.

Was ich getan hatte, war kein bloßes Missgeschick gewesen, sondern ein massiver Eingriff in den freien Willen eines Menschen – und nichts konnte das rechtfertigen. Selbst Wochen später plagte mich die Erinnerung daran und ermahnte mich diesen Fehler nicht noch einmal zu begehen. Das Verbot, Magie gegen Menschen und andere Hexen anzuwenden, galt seit jeher als unsere strengste Vorschrift. Solche Regeln und Gesetze waren für mich wie die Wurzeln eines Baumes. Sie gaben Halt und Struktur. Ich hatte sie stets respektiert und penibel eingehalten, und es schürte meinen inneren Zorn, wenn andere sie mit Füßen traten. Genau ein einziges Mal hatte ich die Regeln gebrochen, dafür aber gründlich. Und dafür verachtete ich mich selbst. In den letzten Wochen hatte ich Ereignisse ausgelöst, deren Tragweite mir nicht bewusst gewesen war und es fiel mir immer noch schwer, mir zu verzeihen.

Der Tag der Verhandlung war ein Montag gewesen. Der Tag des Mondes. Der Mond hatte in unserer Welt immer eine besondere Rolle gespielt. Auch in unserer Familie. Ein Symbol für Wandel, für Kraft, für weibliche Energie. Artemis, Göttin des Mondes, der Jagd, der wilden Natur. Eine Göttin, stark, frei, unnahbar. Es war ihr Name, den ich einst von meinen Eltern erhalten hatte. Artemis Seleneis Drakanis. Ein schöner und klangvoller Name. Vielleicht war er ihren Wünschen für mich entsprungen. Dennoch hielt ich ihn für eine schlechte Wahl, denn ich verkörperte, meiner Ansicht nach, keine der Eigenschaften, die dieser Göttin zugesprochen wurden. Für mich als pickelgesichtiger Teenager mit Zahnspange und roten Korkenzieherlocken, war er damals in der Schulzeit das Schlimmste gewesen, was mir passieren hätte können: ein antiker Name, der nur noch mehr Seitenhiebe provozierte als meine Unsicherheit in Kombination mit meinem Aussehen. Als wandelnde Zielscheibe für Spott und Hohn, die jeden Tag froh gewesen war, wenn sie sich in die Sicherheit ihres Zimmers verkriechen konnte, hatte ich meine Eltern bekniet wenigstens den Nachnamen ändern zu dürfen. Nach unzähligen Diskussionen hatten sie schließlich meinem Jammern und Drängen nachgegeben und mir wenigstens erlaubt, mich Artemis Seleneis Drake zu nennen. Diese Variante gefiel mir besser. Sie strahlte etwas Geheimnisvolles und Mystisches aus. Meine beste Freundin Jinny nannte mich seit Kindheitstagen immer nur Tess. Und die Variante Tess Drake klang, ganz im Gegensatz zu vorher, weder altbacken noch griechisch oder irisch.

Ich war immer schon wissbegierig gewesen und hatte mir Dinge gemerkt, die ich vorher nur einmal gelesen oder gehört hatte. Aber das war auch immer schon ein Teil des Problems gewesen. Andere hatten mich deshalb für überheblich gehalten. Doch das war ich beim besten Willen nicht. Ich hielt mich sogar für ziemlich unbedeutend im Vergleich zu den vielen berühmten Hexen der Geschichte. Ich war keine Hekate und auch keine Kali oder Lilith. Aber eigentlich wollte ich das auch nicht sein, denn die meisten dieser berühmten Persönlichkeiten hatten keinen besonders guten Ruf. Für die Zerstörung meines Images war ich selbst verantwortlich gewesen. Wenigstens einem guten Beispiel war ich gefolgt und hatte es ihnen gleichgetan, denn ich schrieb meine eigene Geschichte für die Nachwelt auf und notierte eigene Sprüche und Rezepte. Mein eigenes kleines Tagebuch und Grimoire war, wie mein Zauberstab, mein treuer Begleiter.

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Text von Diana Schneider, Beitragsbild von  Alexander Roy auf Pixabay

Bild von Diana Schneider

Diana Schneider

Diana Schneider wurde in der Obersteiermark geboren und lebt heute mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Graz. Mit Leidenschaft schreibt sie Romane und Kurzgeschichten wie z.B: „Das Amulett des Nordens“, „Das Vermächtnis der Hüterin“ oder "Hexenkunst und Herzgeflüster – The Tricky Love Potion“.

Website:
dsbschneider.com

Instagram:
dsb_schneider_booksandstories

Facebook:
DSB Schneider

Foto: sophia_grabner_fotografie

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