Gutes Karma von Julia Parger

Gutes Karma

 

„Liebe sanfte Dame. Ich bin der Sultan von Burundi. Ich werde von bewaffneten Schurken als Geisel gehalten. Sie haben mein Gold, meine Diamanten und meine Frau gestohlen. Mein Ruf ist in Gefahr. Ich brauche neues Gold, neue Diamanten und eine neue Frau. Ich möchte Sie heiraten, liebe Dame. Werden Sie Sultanin. Aber bevor ich Sie mit den geheimen Millionen verwöhne, brauche ich Sie. Mit der kleinen Summe von 10.000 Euro retten Sie mein Leben. Nur Sie können mir helfen, liebe Dame. Sie sind meine letzte Hoffnung. Ich warte auf
Sie. 
Ihr zukünftiger Ehemann, Sultan von Burundi”

Franzi hatte von solchen E-Mails gelesen. Von Männern, die behaupteten, Prinzen zu sein. Die in gebrochenem Deutsch schreiben. Die naive, alleinstehende, Frauen – oder verheiratete Frauen, die sich nach einem Upgrade sehnten – in ihre Falle lockten. Auf den Schmäh würde sie sicher nicht hereinfallen.

Als Franzi mit der Maus über das Papierkorb-Symbol fuhr, stockte sie. Zwar war es durchaus verdächtig, dass ein Sultan in Not ausgerechnet ihr schrieb, andererseits trafen aber einige Warnsignale gar nicht auf ihn zu. Sein Deutsch war korrekt, wenn auch etwas umständlich. Er hatte sie als „liebe sanfte Dame“ bezeichnet, was der Wahrheit entsprach. Er wirkte gebildet. Er wollte eine fixe Beziehung. Eine Ehe. Er wollte alles, was sie wollte. Und ganz ehrlich: Würde er solche Zugeständnisse machen, wenn er es nicht ernst meinte?

Mit der Erfahrung einer Frau, die dreimal geschieden und hochaktiv auf Dating-Apps wie „Hunger”, „Meetr” und „Sugar” war, konnte sie mit Sicherheit sagen: Nein. Männer gaben sich keine Mühe, wenn sie nicht interessiert waren. Sie redeten nicht von Hochzeit, wenn sie nur ein Panscherl wollten. Das hatte auch Franzis Astrologin in ihrer letzten Sitzung bestätigt. Die Liebes-Sterne standen optimal für eine große
Romanze. Der Uranus stand im rechtwinkligen Quadrat zum vorläufigen Saturn, das war bekanntlich ein sehr gutes Omen.

„Noch wach?“ antwortete Franzi dem Sultan beiläufig. Sie wollte nicht needy wirken.

 Der Sultan antwortete sofort: „Meine sanfte Dame, ich bin immer für Sie da.“

 „Ist das dein Ernst, das mit dem Heiraten?“, fragte Franzi.

 „Ja, liebe sanfte Dame. Meine Sultanin. Ich brauche dich“, schrieb er.

 „Überweise mir jetzt 10.000 US-Dollar, dann bin ich frei. Wir können meinen Reichtum auf den Bahamas
genießen.“

 Franzi stellte sich vor, wie sie mit einem gutaussehenden Sultan auf ihrem Privatstrand auf den Bahamas lag. Sie hatte deutlich vor Augen, wie sie gemeinsam schnorchelten, mit den teuersten und exklusivsten Fischen, die jemand kurz vor ihrer Schnorchel-Tour im Meer ausgesetzt hatte. Sie dachte daran, wie sie in trauter Zweisamkeit eine Massage genießen würden, während sie Händchen hielten und ihnen ein Butler Strohhalme an den Mund hielt, damit sie Mai Tais schlürften konnten. Franzi war fest entschlossen: Sie verdiente diesen Luxus. Sie verdiente diesen großzügigen Mann. Diesen edlen Sultan.

 „Ich werde dir helfen“, schrieb sie dem Sultan.

„Danke, meine Sultanin“, antwortete er.

„Ich verdanke dir mein Leben“, schrieb er.

„Du wirst reich belohnt werden“, versicherte er.

Auf Franzi wirkte es übertrieben, schon jetzt als Sultanin bezeichnet zu werden –  aber andererseits: Was wusste sie schon über das Paarungsverhalten von Sultanen?

Es gab nur ein kleines Problem: Franzi musste das Geld erst auftreiben. Hm. Ihre Ex-Freunde waren arm, ihre Eltern tot, ihre Freunde würden sicher nicht begeistert sein, wenn sie erfuhren, dass Franzi das Geld dafür verwenden würde, um Sultanin von Burundi zu werden. Franzi
schüttelte den Kopf. Es war schlimm, wie neidig die Menschen sein konnten.

Dann kam ihr eine Idee: Tante Gerda. Gerda war vor etwa drei Jahren zu Geld gekommen. Sie trug teure Kleider und exklusiven Schmuck. Niemand wusste, woher sie ihr Vermögen bezog. Da sie 83 Jahre alt war, ging Franzi davon aus, dass es schlichtweg Tabu für sie war,
über Geld zu sprechen.

Franzi ging also zu Tante Gerda und wurde froh empfangen. Ihre Tante hörte ihrer Geschichte gebannt zu. „Soso, ein Mann möchte dich heiraten. Um wen geht es denn?“, investigierte Gerda. Franzi erzählte ihr vom Sultan in Not. Sobald das Wort Sultan erklang, wurde
Gerda blass. „Mhm, mhm“, nickte sie und stand langsam auf, um aus einer Schublade ein Kuvert zu holen. Franzi öffnete es. Scheine über Scheine.

 „Oh mein Gott, Gerda, ich danke dir!“, rief sie und fiel ihrer Tante um den Hals.

„Schon in Ordnung“, winkte Gerda ab und sank zurück aufs Sofa, ihren Blick in die Ferne gerichtet.

 Zuhause angekommen überwies Franzi das Geld sofort an den Sultan.

 Funkstille. Franzi schämte sich, als ihr dämmerte, welche Dummheit sie begangen hatte. Aber nicht nur ihr
war eine Dummheit passiert…

 Als sich die Tür hinter Franzi geschlossen hatte, checkte Gerda ihr E-Mail-Konto Sultanburundigoldanddiamond1@gmail.com.
Sie klickte auf den Ordner der gesendeten E-Mails und erblasste. Als sie ihren neuen Laptop eingerichtet hatte, schien sie das Adressbuch ihres privaten E-Mail-Kontos mit dem ihres Betrugskontos verknüpft zu haben. „Ach du meine Güte“, entfuhr Gerda im Gedanken daran, wem sie aller geschrieben hatte. Am schlimmsten von allen würde es Franzi treffen.

 „Die wird den Liebeskummer des Jahrhunderts haben“, entfuhr Gerda im Gedanken an ihre liebestrunkene Nichte.
Während sie weiter vor sich hin sinnierte, bekam sie am Handy eine Nachricht über einen Kontoeingang: 10.000€.

Plötzlich fiel Gerda etwas ein, das ihre Mutter ihr als kleines Mädchen gesagt hatte: „Spatz, als Menschen sind wir alle verbunden. Das was du tust, kommt zu dir zurück. Man nennt es Karma.“ Gerda hatte es immer als esoterischen Firlefanz abgetan. Absolut lächerlich, das Ganze. Nun aber verstand sie: Karma hatte ihr eine Kopfnuss verpasst. Ihr, der unbesiegbaren Undercover-Adeligen, die mit der Kraft ihres Email-Postfachs die Naiven beraubt und die Armen (sich selbst) beschenkt hatte.

 „Nagut, Mutti. Dieses eine Mal hattest du wohl recht“, seufze Gerda und setzte an, das Email-Postfach und damit die Spuren des Sultans zu löschen. Davor schickte sie noch ein allerletztes Sultan-Email an Franzi, in der Gerda erklärte, der Sultan fühle sich nicht selbstbewusst und männlich genug, um mit so einer lieben, sanften Dame wie ihr zusammen zu sein. Er wäre in Wirklichkeit nämlich ein vermeidender Bindungstyp und Franzi hätte sich etwas Besseres verdient. „Gesendet“, sagte Gerda und blickte auf das Bild ihrer Mutter auf der Kommode. „Zufrieden?“, fragte Gerda das Bild. Sie schwor, sie hätte sie nicken sehen.

Am nächsten Tag rief Franzi ihre Tante an. Sie sei zu selbstbewusst für den Sultan, erzählte sie. Ihr sei sein Status egal, ein Mann müsse einfach wissen, was er wolle und es auch Vollgas durchziehen, so Franzi.

„Freilich hab‘ ich ihm trotzdem das Leben gerettet, ich bin ja kein Unmensch“, erklärte Franzi.

„Freilich“, antwortete Gerda.

„Und wegen dem Geld…“, stotterte Franzi.

„Das lass ma schön bleiben. Sagen wir einfach, es ist eine Spende an einen Edelsmann für gutes Karma. Einverstanden?“, sagte Gerda.

„Du bist wirklich die Beste“, flüsterte Franzi.

„Ach, Franzi, wenn du wüsstest, wie gut ich bin“, kicherte Gerda gelöst. „Wenn du nur wüsstest…“

Gerda freute sich über den Wake Up Call ihrer Nichte. Vom Augenblick des sultänischen Geständnisses an brachte Franzi nur mehr anständige Männer mit zu Tante Gerda. Bis einer dann blieb. Und Gerda? Die nahm sich vor, nur mehr Leute zu betrügen, die es sich auch wirklich
verdient hatten, eine Karma-Kopfnuss einzustecken. Und meistens gelang ihr das
auch…

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 Text von Julia Parger, Beitragsbild von StockSnap auf Pixabay.

Bild von Julia Parger

Julia Parger

Julia Parger ist Burgenland-Wienerin. Man trifft sie oft bei Open Mics, wo sie humorvolle Kurzgeschichten und improvisierte Songs zum Besten gibt. Aktuell schreibt sie ihren ersten Roman auf Englisch. Geschichten, Musik und Comedy gibt's auch auf Julias Social Media Accounts.

Insta: @juliaparger
Tiktok: @juliaparger_

©Therese Kacsics (Foto)

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