AUSZUG AUS „DIE MAGIE GOLDGEWEBTER HERZEN“
Ein Schicksal in fremder Hand
Noel
Monsieur Noel kann einem nur leidtun.« Noel verharrte mit einer Hand um die Türklinke auf der Schwelle zur Terrasse. Im Licht der Fassadenbeleuchtung klar zu sehen, hatte das Ehepaar Boillot die Köpfe zusammengesteckt und klatschte so schamlos auf der Trauerfeier seiner Frau über sein Schicksal, dass es einem Schlag ins Gesicht gleichkam. Noel biss die Zähne zusammen und blieb, wo er war. Jacques hätte nun sicherlich gesagt, dass Noel immer schon gerne gelitten habe. (Was nicht stimmte. Gern hatte er es nie getan.)
»Nicht wahr?«, seufzte Madame Boillot. »Bei der Spinnerin, es gibt ja Gründe, warum man Madame Celines
Bruder fortgeschickt hat. Und jetzt hat Monsieur Noel die Steinhaut am Hals? Was hat sie sich mit der Verfügung nur gedacht?«
»Furchtbar.« Monsieur Boillot schüttelte den Kopf und biss herzhaft in ein Canapé. »Sie sollten die Gesetze ändern. Genau wegen so was ist es überholt, die Verstorbenen den Ersatz im Familiengewebe bestimmen zu lassen. Das ist ein Schicksal – vor allem für einen Mann wie ihn! Wenn sie wenigstens eine ihrer Tanten bestimmt hätte. Das wäre eine vernünftige Partie gewesen!«
Noels Hand verkrampfte sich bei dem Gedanken um die Klinke.
Monsieur Boillot wischte sich den Mund ab. »Und das Gewebe wäre stabil genug geblieben, dass niemand daran gestorben wäre. Die Steinhaut ist ja nicht einmal auf der Trauerfeier erschienen. Von seiner eigenen Schwester!«
»Unmenschlich«, pflichtete Madame Boillot ihm bei und schenkte ihnen beiden Champagner nach.
In dieser einen Sache hatte das Ehepaar einen Punkt. Noel hatte sich kaum die Tränen von den Wangen gewischt, da war Lucien bereits ohne ein Wort aus dem Tempel geflohen und hatte sich in einem der Gästezimmer des Anwesens verschanzt, womit die ganze Arbeit der Trauerfeier an Noel hängen geblieben war. Auf die Ausrede dazu – wenn es überhaupt eine gab – war Noel gespannt. Genauso wie darauf, ob damit schon der ganze Ton dieser Ehe gesetzt worden war. Was bei allen Wirrfäden hatte Celine sich mit ihrer Verfügung nur gedacht? Nicht, dass er darauf erpicht gewesen wäre, eine ihrer Tanten zu heiraten, um das Familiengewebe aufrechtzuerhalten, doch sicherlich wäre es weniger einsam gewesen als … Wut war besser als dumpfe
Traurigkeit, die sich so tief in seine Knochen fraß, dass sie ihn völlig bewegungslos machte. Sie war auch ein besserer Antrieb dafür, ein strahlendes Lächeln aufzusetzen und mit schwungvollem Schritt auf die Terrasse zu treten.
»Endlich habe ich Sie gefunden!«, verkündete er den beiden, die ihn mit den betretenen Mienen der frisch Ertappten ansahen – vermutlich, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Vertraulich fasste er Madame Boillot am Ellbogen. »Mein guter Freund Monsieur Germaine hat bereits nach Ihnen beiden gefragt – ich habe ihm von Ihrer neuen Gartenanlage berichtet, und er ist darüber ganz aus dem Häuschen.« Er schob sich mit kleiner, präziser Geste eine Strähne hinter das Ohr. »Würden Sie mir den Gefallen tun und das Gespräch mit ihm suchen, bevor er den Heimweg antritt?« Er senkte den Blick und sah mit einer Extraportion hilflosen Flehens unter seinen Wimpern zu Monsieur Boillot auf. »Ich bin momentan leider nicht in der Verfassung für Geplänkel und möchte keine Falschinformationen weitergeben, sonst würde ich Ihnen die Atempause natürlich gönnen …«
»Natürlich, mein Lieber, machen Sie sich keine Sorgen«, versicherte Monsieur Boillot mit großen, geradezu erschrockenen Augen, während seine Frau heftig nickte. Noel schenkte ihm ein warmes, schwaches Lächeln. »Ich danke Ihnen. Und verzeihen Sie mir – Sie sind hoffentlich bessere Gastgeberfähigkeiten von mir gewohnt, aber –«
»Darüber machen Sie sich bitte keine Gedanken.« Madame Boillot tätschelte beinahe mütterlich seinen Arm.
Er konnte sich noch gut an den abschätzigen Blick erinnern, mit dem sie ihn vor Jahren bei seiner Herzzeremonie mit Celine gemustert hatte. Jetzt fraß sie ihm geradezu aus der Hand – wie so viele andere, die einst die Nase gerümpft hatten. »Unter diesen Umständen können Sie immer noch sehr stolz auf sich sein, es ist alles ganz wunderbar – das Essen, das Streichquartett, die Blumenarrangements …«
»Das bedeutet mir sehr viel, besonders aus Ihrem Mund, Madame.« Noel deutete einen Knicks an und hauchte einen Kuss in die Luft über ihrer Hand. »Sie wissen, dass ich Ihre geschmackvollen Salons verehre.«
»Und Sie sind immer ein willkommener Gast.«
Die Herzlichkeit in ihrer Stimme war ehrlich. Diesmal war es auch Noels Lächeln. Immerhin, seinem hart erarbeiteten Ruf schien die neue Verbindung nicht zu schaden. Er richtete sich auf und sah zu, wie die beiden nach ein paar weiteren Worten hinein in den Salon zum Rest der Gesellschaft zurückkehrten. Sobald die Tür hinter ihnen zugefallen war, atmete er aus und ließ das Lächeln von seinen Lippen rutschen.
Sein Körper mochte erschöpft sein, aber seine Magie war es nur selten. Selbst jetzt kostete es ihn wenig, die Hand zu heben und dem Schloss der Terrassentür seinen Willen abzuverlangen. Mit seinen Fingerspitzen zeichnete er magische Webmuster in die Luft, und die Tür schloss sich mit einem Klicken. Noel sackte auf der Stufe zusammen, die hinunter zum Garten führte, und grub mit fahrigen Bewegungen in der Tasche seines Kleides, bis er sein silbernes Zigarettenetui fand.
Bald hatte er seine Ruhe. Die Gesellschaft war am Aufbrechen: Er hatte bereits öfter geknickst und Hände zum Abschied geküsst. Auch die letzten Verbliebenen würden zu bewältigen sein. Und immer noch keine Spur von Lucien.
Noel versuchte, das in ihm aufsteigende Brennen fortzuatmen. Lieber konzentrierte er sich darauf, eine Zigarette aus dem Etui und ein Feuerzeug aus der zweiten Kleidertasche zu fischen, anzuzünden und einen tiefen Zug zu machen. Celines unmutiges Schnauben in seinem Rücken fehlte so sehr, dass das Brennen aus der Brust in seine Augen wanderte. Er bedeckte sie mit einer Hand, versuchte, regelmäßig zu atmen, scheiterte. Die abnehmenden Geräusche der Trauerfeier drangen nur gedämpft an sein Ohr, genau wie der Stadtverkehr, der hinter den Grenzen des Anwesens begann.
Er war allein.
Natürlich war er nicht der erste Mensch, der sich in einer Situation wie dieser befand. Ganz im Gegenteil:
dass Leute aus schwächeren Familiengeweben die Person verloren, durch die sie einem stärkeren Familiengewebe einverleibt worden waren, stand in ganz Brinon an der Tagesordnung. Dass diese Leute an möglichst nahe Verwandte weiterverheiratet wurden, um sie abzusichern und das Familiengewebe intakt zu halten, besonders wenn Kinder im Spiel waren, war ebenfalls nichts Neues. Das hier war nicht einmal für ihn selbst die erste Ehe. Seit vielen Jahren schon hatte er den Namen seiner Geburtsfamilie für den anderer abgelegt.
Mit Celine war er nur das erste Mal glücklich in einer Verbindung gewesen. Vielleicht tat es deshalb so weh.
Immerhin war er noch Teil eines Gewebes. (Immerhin musste er nicht zu Jacques zurück – nein, was für ein undankbarer Gedanke! Gleich fort damit.) Noch war unklar, ob Lucien wirklich ein bemerkenswert unsensibles Arschloch war oder einfach … anders funktionierte. Was wusste Noel schon von Steinhäuten außer dem, was die Leute eben so sagten: dass sie keine Magie wirken konnten, oder wenn, dann nur so instabile, dass sie eine Gefahr für sich und andere darstellten. Dass man Leute wie Lucien daher zwar nicht aus den Geweben entfernte, sie aber gerade in vermögenderen Familien einfach wegschickte, kam immer wieder vor. Spürte Lucien überhaupt genau wie er ein Kribbeln und Ziehen im ganzen Körper, dort, wo die Magie sich neu aufzuspulen und zu sortieren begann? Oder war er dazu vielleicht gar nicht fähig? Litt er genauso unter Celines Tod wie Noel? Konnte er auch nur ansatzweise seinen Verlust nachvollziehen, oder ließ er Noel auch damit allein?
Auszug aus:

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Text von Eleanor Bardilac, Beitragsbild von Christine Sponchia auf Pixabay
Eleanor Bardilac
Eleanor Bardilac wurde 1994 in Wien geboren, wo sie nach wie vor zusammen mit ihrer Herzdame lebt und arbeitet. Zwei abgeschlossene Bachelorstudien in Deutscher Philologie und Vergleichender Literaturwissenschaft verstärkten ihre Liebe zur Literatur in all ihren Facetten nur noch mehr.
Ihr Fantasy-Debütroman »Knochenblumen welken nicht« erschien 2021 bei Droemer Knaur und erhielt den Seraph Phantastikpreis in der Kategorie »Bestes Debüt«, der zweite Teil »Knochenasche rottet nicht« erschien 2023 im Verlag ohneohren. Ihr Standalone-Fantasyroman »Die Magie goldgewebter Herzen« wurde 2024 bei Droemer Knaur veröffentlicht. Im gleichen Jahr erschien in Kooperation mit Anna Zabini die Queer Romance »Love Education: Wo gehobelt wird, fallen Spä(h)ne«.
Sie ist seit 2025 1. Vorsitzende des Phantastik-Autor*innen-Netzwerks PAN e.V. und ab 2026 Leiterin des Nachwuchsprogramms des PEN Austria.
Instagram: eleanor.bardilac
Tiktok: eleanor.bardilac
© Eleanor Bardilac (Foto)


