DIE TOTEN VOM SALZBERG
Ein Berg, zwei Epochen, ein Toter zu viel …
Prolog:
Er wusste, dass er eine Grenze überschritten hatte. Eine unsichtbare, unausgesprochene Grenze. Er hätte nicht herkommen sollen, hätte ihm nicht hierher folgen dürfen – und doch war er nun hier.
Er spürte die Augen auf sich gerichtet, seine Augen, und es schien ihm, als würden die Felsen um ihn herum diesen Blick tausendfach spiegeln und ihn von allen Seiten immer und immer wieder auf ihn zurückwerfen. Alle sahen ihn an, alle wussten, was er getan hatte. Er machte einen Schritt zurück, seine Worte verfingen sich ungesagt auf seinen Lippen. Er wollte den Kopf schütteln, doch sein Kopf schmerzte so sehr. Noch ein Schritt, doch diesmal war da kein Boden unter seinen Füßen. Als hätte selbst der Berg ihn in diesem Moment im Stich gelassen, spürte er nur noch die feuchte Erde unter sich nachgeben, ein dürrer Zweig knackte, er streckte die Arme aus, verzweifelt nach irgendeinem Halt fassend.
Seine Stimme zersplitterte in einem unartikulierten Schrei, die Welt stürzte aus den Angeln, als er nach hinten kippte. Wie sich die Bäume mit ihren Ästen scheinbar in den Himmel krallten, so versuchte er sich noch irgendwo festzuklammern, suchte, kreischte nach einem Halt, doch da war nichts. Nichts außer einem halbtoten Bäumchen, das zwischen den Felsen verhungerte und dennoch nicht weichen wollte, das ihm entglitt, ehe er dessen dürre Äste noch ganz zu fassen bekam und sie ihm beim Zurückschnellen die Wange ritzten.
Während er noch diesen kleinen, scharfen Schmerz zu begreifen suchte, schlug er auf dem Boden auf. Erdig erst, für einen Gedankensplitter lang erleichtert, dass es doch noch etwas Festes unter ihm gab. Hart prallte die eine Schulter gegen einen Stein, veränderte die Lage, in der sein Körper hinabrutschen wollte, beschleunigte sein Abgleiten. Und bevor ihm noch gänzlich ins Bewusstsein sickerte, dass keine Wurzel, kein Baum ihn mehr bremsen würde, schlug sein Kopf gegen einen Stein.
Das groteske Gefühl von zerreißendem Fleisch durchfuhr ihn, bevor er überhaupt erkannte, dass er selbst es war, von dem diese Wahrnehmung ausging. Er hörte das Knacken von Knochen, spürte einen rotblitzenden Schmerz, der sich erst in seinem Verstand, dann erst in seinem Körper ausbreitete.
Einen Herzschlag lang wunderte er sich noch, wie es denn sein könnte, dass die Welt um ihn herum sich mit einem Mal in den Himmel erhob, dass die Erde ihn hinab zerrte, wo doch unter ihm längst steingraue Wolken zogen. – Oder waren es die merkwürdig hellen Schlieren, die das Weiße Gold im Felsen hinterließ? Er schmeckte bitteres Salz auf der Zunge, fragte sich, ob es sein Blut war oder der Berg selbst, der sich über ihm türmte, ihn erstickte, ihn zermalmte.
Ein letzter Schrei, der sich in den Felsen verfing, an einem Blick abprallte, der ihm gefolgt war, während er hinabstürzte, immer schneller und schneller, zerrissen und zerschlagen, mit Salz und Blut und dem Wissen, dass der Berg nichts verzieh.
Niemals.
- Widerstand und Aufbruch
Sie konnte sehen, dass ihr Vater kurz davorstand, so vollends die Fassung zu verlieren, dass selbst der Vesuv neben seinem Ausbruch vor Scham erblassen müsste – falls einem Vulkan diese emotionale Feinfühligkeit überhaupt zu Gebote stand.
Erika tat, was sie in einer solche Situation immer tat: Sie stand vor ihm, das Kinn ein wenig vorgereckt, die Augen auf irgendeinen Punkt über seinem linken Ohr geheftet, mit jenem winzig kleinen Lächeln auf den Lippen, von dem ihr Vater nie recht wusste, ob es Überheblichkeit, Ironie oder gar Spott ausdrücken wollte – und das ihn aus diesem Grund nur noch mehr in Rage versetzte.
»Was, bitte schön, hast du angestellt, um Friedrich auf diese vollkommen blödistische Idee zu bringen?!«, zeterte er.
»Friedrich?«, wiederholte sie irritiert.
»Er kam zu mir, in Uniform! In Ausgehuniform – kannst du dir das vorstellen? – und dann tat er so, als wäre ohnehin schon alles abgesprochen – du und er –, und fiel aus allen Wolken, als ich ihn davon in Kenntnis setzen musste, dass ich durchaus nicht gewillt war, dazu meinen Konsens zu geben!«
Erika sah ihn nur an. Noch hatte er ihr keine wirkliche Frage gestellt, also musste sie auch nicht antworten. Ganz abgesehen davon, dass ihr Vater ohnehin nur dann zuhörte, wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ.
»Kannst du mir das erklären?!«
Jetzt war es eine Frage. »Nein, ich kann dir leider nicht erklären, wieso Friedrich überhaupt für irgendetwas deine Zustimmung benötigen sollte. Immerhin bist du bloß sein Onkel und nicht sein Vormund, zudem ist er großjährig und braucht im Grunde für gar nichts mehr irgendjemandes Erlaubnis«, erwiderte Erika.
»Jetzt tu nicht so, als wüsstest du nicht, dass er um deine Hand angehalten hat!«
Sie starrte ihren Vater an. Nein, das hatte sie tatsächlich nicht geahnt. Nicht einmal im Traum wäre sie auf die Idee gekommen, dass ihr Cousin Friedrich sich aus den paar Spaziergängen, den zwei oder drei Einladungen zum Kaffee, dem Opernbesuch, den Einladungen zum Tanz, der Ausfahrt zum Thalersee und den paar Briefen, die sie ihm in die Kaserne geschrieben hatte, Anrechte auf ihre Hand ausgerechnet hatte. Sie runzelte die Stirn. Nun, bei näherer Betrachtung war es vielleicht doch nicht so abwegig …
»Hast du dazu nichts zu sagen?!«, knurrte ihr Vater.
»Ich …«, Erika wusste nicht, was sie antworten sollte. »Ich dachte, dass ich ihm eine Freude mache, wenn ich ihn begleite. Er kannte hier ja niemanden und immer nur in der Kaserne … Woher hätte ich denn wissen sollen, dass er sich gleich einbildet, mich heiraten zu müssen. Ich habe ihm doch eh immer wieder gesagt, dass ich keineswegs Interesse daran hätte und diese ganze Institution ohnehin für dringend reformationsbedürftig halte.«
Vielleicht wäre es klüger gewesen, den letzten Satz unausgesprochen zu lassen, denn nun eruptierte der Vater vollends: »Es reicht!!«, brüllte er los. »Es reicht mir nun endgültig!! Ich habe deiner Mutter versprochen, dass ich dir all die lächerlichen Freiheiten lasse, die sie dir immer gewährt hat, obwohl ich hundert- nein, tausendmal gesagt habe, dass das nur blaustrümpfige Flausen sind, die sie dir in den Kopf setzt. Aber gut … es war ihre einzige Freude damals, nachdem –« Für einen Moment hielt er inne, als müsse er erst einen unerfreulichen Gedanken vorüberziehen lassen, ehe er seinen Zorn wieder auf Erika konzentrieren konnte. »Eine Ehe mit Friedrich kommt nicht infrage!!«
»Gott sei Dank …«, murmelte sie leise.
»Auch wenn es dringend notwendig wäre, dass du endlich eine vernünftige Beschäftigung bekommst, einen Ehemann.«
Erika verbiss sich die Nachfrage, ob denn ein Ehemann wirklich die einzig vernünftige Beschäftigung für eine junge Frau ihres Standes und ihrer Bildung war. Sie wollte ihren Vater nicht noch mehr reizen und womöglich für seinen frühen Tod durch Herzversagen verantwortlich sein.
»Aber du musst hier weg«, unterbrach ihr Vater ihre Gedanken
Sie sah überrascht auf.
»Es gibt schon Gerede von eurer Verbindung. Offenbar hat dieser Kindskopf Friedrich unter seinen Kameraden bereits herumposaunt, dass er gedenkt, seine Cousine zu heiraten. So ein Blödsinn kann nur ihm einfallen! Wir sind ja nicht im Kaiserhaus, wo man das eigene Blut heiraten muss, weil man sich sonst selbst kompromittieren würde.« Der Vater atmete durch. »Du gehst nach Wien zur Tante Adele und dort bleibst du, bis die Saison vorüber ist – und wenn du dann noch immer nicht verlobt bist, dann …«
»Dann steckst du mich ins Kloster?« Diese Spitze gegen die Familie konnte Erika nicht hinunterschlucken.
Der Vater funkelte sie drohend an.
»Nun, da du mich offensichtlich weghaben willst und ich ganz bestimmt nicht nach Wien gehen werde, kann ich dir genauso gut heute schon mitteilen, dass ich eine Stellung in Hallstatt angenommen habe.«
»In Hallstatt?!«
»Genau.« Erika richtete sich noch ein wenig mehr auf, sodass sie ihrem Vater direkt in die Augen sehen konnte. »Bei den Ausgrabungen am Salzberg.«
37 v. Chr. Auf der Höhe des Gräberfeldes
Glitzernd lag der See tief zu ihren Füßen im morgendlichen Sonnenschein, dass jedem, der es sah, das Herz vor Freude aufgehen musste. Doch Aericura hatte keinen Blick dafür. Der Anblick der atemberaubenden Aussicht war ihr so alltäglich, dass sie ihn manchmal gar nicht wahrnahm. Gewiss, wenn man gerade aus dem Mundloch der Tiefen der Erdgöttin trat, dann war es ungemein wohltuend, konnte man auf Sonnenschein und Wasserglitzern blicken und die klare Luft der Berge rundum in den vom Stollen staubigen Lungen spüren. Doch gerade eben war Aericuras Blick auf den Boden vor ihr gerichtet. Locker war das Geröll hier, wo vor zwei Nächten der Hang heruntergekommen war. Jeder Schritt wollte sorgsam gesetzt werden, um nicht Steine loszutreten, die augenblicklich zu einer gefährlichen Rutschpartie werden konnten.
Normalerweise würde hier niemand unterwegs sein. Doch sie hatte einen guten Grund, als nicht mehr ganz junge Frau abseits der seit Ewigkeiten ausgetretenen Pfade am Berg entlangzuklettern, hier, auf halber Strecke zwischen der Bergsiedlung und dem Seedorf, wo es nur Wald, Wiesen und Gestein gab.
Oft, wenn der Berg sich bewegt hatte, fanden sich just hier Schmuckstücke schönster Art, so ganz anders als jene, welche die Frauen ihrer Gegend trugen. Schon als Kind hatte Aericura mit Begeisterung den Geschichten der weisen Alten Berulia gelauscht, die davon erzählte, dass vor undenklichen Zeiten die Menschen dort unten Salz aus dem Berg geholt hatten, wo heute nur noch Wiese und Wald zu sehen waren. Legenden waren es in den Ohren der meisten, würde man eben nicht von Zeit zu Zeit nach einem Hangrutsch sonderliche Dinge im Geröll finden, von den rutschenden Steinen aus den Tiefen der Erde nach oben getragen. Nach Salz wurde längst viel weiter oben am Berg gegraben, die alten Werke wären von bösen Geistern besessen, sagte man, denn oft genug traten neben den Schmuckstücken auch Knochen Toter zutage, eindeutiges Zeichen wohl dafür, dass die Götter den Bergbau hier herunten nicht gerne sahen.
Auf einen Fund von Schmuck hoffte Aericura ganz besonders an diesem Tag, denn morgen würde sie heiraten – erneut heiraten – und wäre es nicht ein wohlwollendes Zeichen der Götter, sie mit einer Fibel oder einem Armreif zu beschenken? Neben ihrer Bettstatt befand sich eine hölzerne Kiste voll mit Dingen, die sie im Laufe vieler Jahre gefunden hatte. Scherben, bronzene Bruchstücke, durchaus auch der eine oder andere Knochen. Wenn gerade niemand im Haus war und ihre Zeit es ihr erlaubte, saß sie gerne da und betrachtete ihre Schätze, für die niemand sonst Verständnis hatte. Es schien, dass nur sie sich für das längst Vergessene interessierte und sich gerne den Gedanken hingab, wie jene Menschen hier vor all dieser Zeit gelebt hatten.
Sie hatte den Saum ihres Kleides und des schmalen, schürzenartigen Peplos’ unter den Gürtel geschoben, um sich besser im unebenen Gelände bewegen zu können. Aufmerksam betrachtete sie die Steine zu ihren Füßen, um ja nicht das Schimmern eines Schmuckstücks zu übersehen. Ihre Schuhe aus dickem Schweinsleder waren weich genug, dass sie jede Unebenheit des Gerölls fühlte. Wären die Steine hier nicht oft spitz und scharfkantig, würde sie durchaus auch bloßfüßig gehen, wie sie es als Kind immer getan hatte.
Gefährliche Zeitvergeudung nannte ihr Vater diese Ausflüge und obzwar Aericura längst eigene Nachkommen haben könnte, wären die Götter ihr in dieser Hinsicht wohlgesinnt gewesen, so musste sie sich stets heimlich davonschleichen. Auch ihr Mann Gebrinius hatte es nicht gerne gesehen, wenn sie nach einem Hangrutsch die Siedlung verließ, doch es war ihr stets leichter gefallen, sich ihm gegenüber durchzusetzen als dem strengen Vater gegenüber. Der alte Haler war jedoch inzwischen schon so gebrechlich, dass er kaum noch das Haus verließ, und seine Tochter vermutete er gewiss auch eben jetzt beim Bergwerk, wo sie ja auch tatsächlich die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte.
So sehr Aericura jedoch suchte, an jenem Tag wollte sich nichts in den lockeren Steinen finden lassen. Lange würde sie nicht mehr ihren Pflichten fernbleiben können, doch zumindest für einen Augenblick noch setzte sie sich auf einen Felsbrocken und ließ nun doch den Blick über das Tal schweifen. In Kürze würde der Anblick ihr nicht mehr alltäglich sein, denn es war vereinbart worden, dass sie ihrem zukünftigen Mann ins Tal folgen würde, in das Haus seiner Familie. Dass er zu ihr auf den Berg ziehen könnte, hatte nie zur Frage gestanden, denn Veteris hatte Pferde und Wagen zu versorgen, sein Platz war unten am See.
Ab morgen würde auch sie dorthin gehören …
Auszug aus:

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Text von Eleanor Bardilac, Beitragsbild von Leonhard Niederwimmer auf Pixabay
Gudrun Wieser & Marion Wiesler
Seit 2018 sind Gudrun Wieser und Marion Wiesler als Erzählkabarett-Duo WIESER&WIESLER unterwegs und bezaubern mit ihren rasanten Programmen die Zuseher.
Unabhängig von einander sind beide aber Autorinnen. Gudrun (die ein Doppelleben als Lehrerin für Latein und Deutsch und als Autorin führt) schreibt im emons Verlag Krimis die im 19. Jahrhundert spielen, Marion veröffentlicht spannende Romane zur Keltenzeit.
Instagram: @gudrunwieser.autorin und @wieslermarion
© Gudrun Wieser & Marion Wiesler (Foto)


