Auszug aus einer Therapiesitzung – Seite 67 – 69
Nach einem tiefen Schluck, fragt sie: „Wo waren wir stehengeblieben?“
„Schuleeee“, antwortet er gedehnt und ergänzend, „aber es läuft super. Im Schachclub bin ich der Beste.“
„Echt? Erzähl!“
Nussrat’s schwarze Augen funkeln: „Ja! Ich habe meinen Mathelehrer, der ist auch der Boss der Schachgruppe, schachmatt gemacht. Haben Sie ein Schach?“
„Ja, dort im Bücherregal, neben Epikur’s Zweitlieblingsplatz befindet sich ein Schachbrett. Willst du mir das Schachmatt zeigen?“
Flink bewegt er sich zum Bücherregal und kehrt mit dem Brett wieder zurück an den Tisch. „Ich bin schwarz“, reserviert er. Während er konzentriert die Schachmatt-Position aufstellt, ertönt das Quietschen der Katzenklappe.
Nussrat erstarrt: „Epikur! Ich hole ihn.“
Kurz darauf kommt er mit Epikur im Arm wieder zurück in den Praxisraum. Nussrat’s drahtiger, schlanker Oberkörper ist fast zur Gänze von Epikur zugedeckt. Dieser schnüffelt interessiert an Nussrat’s Maske. „Boah der ist aber schwer. Wieviel Kilo hat der?“
„11. Ist normal für einen Main-Coon Kater.“
„He, Rassekatze?!“.
Er lässt ihn fallen.
*Bumm*
„So wie diese schweren Bälle aus dem Turnsaal. Wie heißen die nochmal?“
„Medizinbälle“, antwortet Frau Doktor trocken. Epikur verlässt gesenkten Schwanzes das Areal und entschwindet endgültig durch die Katzenklappe.
„Harter Tag für Katze heute.“
„So schaut also ein Sieg über deinen Schachgruppenboss aus.“ Nach einem Turm und einem Läufer in Weiß, positioniert er mit der schwarzen Dame und zwei Bauern ein souveränes Schachmatt gegen weiß. Selbstbewusst grinst Nussrat Frau Turm an.
„Und sonst? Gibt es Fehlstunden, oder…“, „keine Fehlstunden“, unterbricht er sie, „alles okay, keine Troubles mit Schülern oder Lehrer. Deutsch ist ein Problem.
Muss Deutschkurs machen im Sommer für Nachprüfung.“ Er verdreht die Augen.
„Frau Doktor, bekommen Sie eigentlich Geld für die Stunden mit Reden und so?“ „Ja, ich werde für meine Arbeit bezahlt. So wie du für deine.“
Stille.
Zwei schwarze Augenpaare treffen aufeinander.
Langsam führt er sein Wasserglas zu sich und trinkt es, ohne abzusetzen, aus.
Die Ausstellung – Seite 132 – 133
Inmitten von zahlreichen Computerkunstinteressierten bestaunen Alexandra und Peter die ungewöhnlichen Videoinstallationen. Es herrscht eine pietätvolle Stille, die durch „Ahhh“‘s und „Ohh“‘s von verschmitzt lächelnden Menschen erfüllt ist. Adrian dirigiert geschickt diese grandiose visuell akustische Performance.
Sanft anrollend über eine Klimax und wieder zurückgleitend in Ruhe und Stille, wiederholt sich der Zyklus mehrere Male.
Dabei werden die Töne von passendem Videomaterial begleitet. „Wie Ebbe und Flut“, flüstert Alexandra ihrem Liebsten zu.
Nun surren nur noch die Monitore bis sie schlussendlich verstummen. Der Raum ist nun vollständig dunkel und Peter startet eine Beifallwelle, während die Atelierbeleuchtung den Raum erhellt.
Überschüttet von tosendem Applaus steht Adrian von seinen schwarzen Monitoren umgeben, verbeugt sich und eröffnet schelmisch lächelnd das marokkanisch – schweizerische – französische Buffet.
Inmitten des jeweiligen landestypischen Essens ragen drei Tischmobile in den verschiedenen Landesflaggen, welche von Peter als Gastgeschenk gefühlvoll fabriziert, worden, empor.
Pressefotografen blitzen mit überdimensionierten Kameras. Galariesten drängeln sich an Adrian. Champagnerkorken
fliegen durch die Gegend. Frisch gepresster Orangensaft. Herrlich duftender Pfefferminztee.
Ein reichhaltiges Angebot für die Gäste.
Die ganze Vollmondnacht hindurch ist das Atelierfest in rauschendem Gange. Die letzten Gäste verlassen, immer noch gemessenen Schrittes und getränkt in magische Eindrücke, das Atelier. Adrian umarmt Alexandra und meint: „In ein paar Stunden gibt es für dich eine Überraschung. Nicht wahr Peter?“, lächelt er gönnerhaft. „Ja Ali-Ries-chen. Wir fahren nach
Casablanca.“ Adrian unterbricht und lässt sie dabei los: „Nein ich fahre euch!
Zum Flughafen bringt euch dann das Taxi.“
Fragend blinzelnd: „Was machen wir in Casablanca?“
„Casablanca-Film-Feeling genießen in Rick’s Café“, (…)
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Text von Merith Streicher, Beitragsbild von Sarah-Marie Garvey auf Pixabay
Merith Streicher
• Promovierte Erziehungswissenschafterin mit interdisziplinärem Hintergrund
(Anthropologie, Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters, Klinische Psychologie)
• Tätigkeit als Therapeutin in eigener Privatpraxis tilom kosh in Wien
• Schwerpunkte:
o Psychotherapie
o Psychiatrische Therapie
o Rehabilitation
• Dozentin im Bereich Erziehungswissenschaft, Psychotherapie und angrenzender Disziplinen
• Schriftstellerische Tätigkeit seit 2021
• Autorin von bisher drei Büchern mit thematischem Fokus auf:
o Selbstermächtigung
o Bewusstwerden des freien Willens
o Menschenwürde innerhalb individueller Bedingtheiten
• Literarische Arbeitsweise:
o Verbindung autobiografischer Elemente aus der eigenen Kindheit
o mit realen Erzählungen aus der therapeutischen und pädagogischen Praxis
• Alle Werke entstehen in Kooperation mit ihrem Co-Therapeuten, dem Main-Coon-Kater Epikur
Website: epikur-literatur.odoo.com; www.tilom-kosh.at
Instagram: @kater_epikur
© Noa Hasler (Foto)


